(Baar 1)
13 november 2002, Lutz Baar, Beobachtung und Erleben des DenkensLieber Herr Muschalle!
Ich bin Ihnen dankbar für Ihre gründliche Arbeit und dass Sie diese frei im Internet zur Verfügung stellen. Meiner Meinung nach ist Ihnen jedoch ein fundamentaler Überlesungsfehler unterlaufen, der Ihrer gesamtem Aussage eine Schlagseite versetzt.
Sie schreiben: http://www.studienzuranthroposophie.de/12AporieKap6.4.html
Tatsächlich gibt es bei Steiner, abgesehen von sprachlicher Pointierung und einigen detaillierteren Hinweisen auf das Erleben des Denk-Prozesses in den späteren Neuzusätzen, keine unterschiedliche Bewertung in Bezug auf das Beobachten des Denkens. "Erlebnisse" des Denkens, von denen dort die Rede ist, sind auch "Erfahrungen" des Denkens. Der Ausdruck des "Erlebens" ist allerdings gesättigter und nachdrücklicher als der allgemeiner gehaltene Begriff des "Erfahrens". Auf der anderen Seite hat Steiner im dritten Kapitel auch nicht behauptet, daß das gegenwärtige Denken nicht zu erfahren sei. Und an der Unbeobachtbarkeit des gegenwärtigen Denkens ändert sich auch durch die späteren Zusätze nichts. Diese Unbeobachtbarkeit gilt immer - daran hat Steiner nichts revidiert. Zum Erkennen des Denkens ist allerdings ein vertieftes Erleben allein ebensowenig ausreichend wie sein bloß anfängliches Erfahren. Zum Erkennen des Denkens gehört, daß es unter Begriffe gebracht werde. Und das geht einzig auf dem Wege einer denkenden Betrachtung von Denk-Erfahrungen - das ist: Beobachtung des Denkens.
Also, ein vertieftes Erleben des Denkens ist nicht ausreichend, zum Erkennen gehört, dass es unter Begriffe gebracht wird. Nun hat aber Steiner deutlich gesagt, dass bezüglich des Denkens der Mensch sehr wohl auf dem Standpunkt des naiven Realisten verbleiben kann. Ja, das ist ja gerade der Unterschied des Denkens zu allen anderen Dingen, dass Begriff und Erleben eine Einheit bilden, die ich nicht auf zwei getrennten Wegen zusammenfügen muss, sondern die in der Intuition als Einheit auftreten. Der intuitiv gefasste Gedanke ist selbstbeweisend. Der Begriff der Beobachtung muss also erweitert werden, von dem normalen Gegenüberstehen, zum Beobachten mittels Einswerden mit dem beobachteten Objekt, jedenfalls für einen kleinen (ausserzeitlichen?) Augenblick. Die entsprechenden Steinerzitate dazu brauch ich Ihnen wohl nicht angeben, da Sie diese wohl besser als ich selbst kennen.
Mit freundlichen Grüssen, Lutz Baar