(Baar 2)
26 november 2002, Lutz Baar, Beobachtung und Erleben des Denkens

Lieber Herr Muschalle!

Bitte fassen Sie diesen Brief nicht als ein Nörgeln an Ihrer Arbeit auf, sondern als eine Art Zwiegespräch mit mir selbst anhand Ihres Textes. Entschuldigen Sie bitte alles unwissenschaftliche Vorgehen meinerseits und biegen Sie es für sich selbst gerade. Stellen Sie sich vor, Sie hätten diesen Brief als Skizze bekommen, mit dem Auftrag "was draus zu machen" - auch wenn das Thema hier Ihren eigenen Text betrifft.

Lassen Sie mich erst meinen generellen Standpunkt zu Steiners Philosophie der Freiheit klarmachen. Das Werk ist in zweiter Auflage mit Zusätzen erschienen und dann nie wieder revidiert worden. Ähnlich wie bei einem Bildkunstwerk, wo der Künstler seine erste Version bearbeitet und die neue Version dann als sein fertiges Werk ansieht. Viel wird daher davon abhängen, welches Gewicht man diesen Zusätzen beimisst und wie man sie liest. Es kann ja nie die Rede davon sei, dies und das hat Steiner geschrieben, sondern nur von so habe ich es verstanden. Und Zudem kommt dann noch der Blick auf die Intentionen des gesamten Wirkens des Verfassers. Damit meine ich nicht spätere inhaltliche Aussagen, sondern die Art wie er versucht die Leserschaft "mit auf die Reise zu nehmen". Er spricht ja auch von seiner PhdFr als einem "Übungsbuch".

Die Philosophie der Freiheit schließt ab mit dem berühmten Motto: "Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft." In der ersten Auflage hieß es statt "erlebend" "als Herr". Von der Herrschaft zum Erleben. Ist aber ein erlebendes Idee-gegenüberstellen überhaupt noch ein Gegenüber-Stellen im Sinne einer Beobachtungssituation?

Im Zusammenhang mit Witzenmann schreiben Sie: "Wenn ich Steiners Angaben wirklich konsequent und stringent auf den Denkakt anwenden und diesen erkennen will, dann jedoch darf ich nicht den Denkakt denken, sondern ich muß vordringlich versuchen die Aktivität des Denkens selbst in den Fokus meiner Aufmerksamkeit zu bekommen und zu erleben. Über diese Erfahrungen muß dann weiter reflektiert werden, aber das ist doch entschieden etwas anderes als den Denkakt nur zu denken."

Die Frage entsteht, wie eine wissenschaftliche Untersuchung über die Beobachtung des Denkens, wie man diese vorlegt, mit Steiners Aussage korrespondiert: "Die Schwierigkeit, das Denken in seinem Wesen beobachtend zu erfassen, liegt darin, dass dieses der betrachtenden Seele nur allzu leicht schon entschlüpft ist, wenn diese es in die Richtung ihrer Aufmerksamkeit bringen will. Dann bleibt ihr nur das tote Abstrakte, die Leichname des lebendigen Denkens." (Kapitel 8, Zusatz) Das ist nicht verkleinernd gemeint, sondern sachlich. Steiners Rezept lautet: Intuitives Erleben im Denken (weiter unten im selben Zusatz; - hier taucht übrigens das Wort "Wirklichkeit" mehrfach auf, was Ihre Position des "darüber muss dann weiter reflektiert werden" schwächen könnte). Nun kann es ja durchaus sein, dass eine Untersuchung in einem solchen intuitiven Erleben des Denkens urständet, die Frage ist, in welchem Maß ich bei dem Prozess gegenwärtig "dabei" war. Intuition heißt inneres Da(bei)-Sein. War ich als Zeuge bewusst anwesend oder zeuge ich von Intuitionen, wie sie uns im Bewusstsein geformt auftreten?

Da sind wir jetzt bei der "Schlagseite", die ich meine bei Ihrer Gesamtaussage zu finden. Das hat zuerst mit den oben erwähnten Intentionen zu tun. Lassen Sie mich zwei Intentionsreihen bezüglich des intuitiven Denkens nebeneinander aufstellen.

Zuerst wie ich Ihre lese:
Können, Erfahrung und Erleben (als gesättigtes Erfahren), Beobachtung, Erkennen (als gewonnener "fester Punkt"). Ziel: Das Denken als Wissenschaft zu greifen. Das Ergreifen und das zu Ergreifende befinden sich im gleichen Element. Das gibt Erkenntnis, lässt mich als den Ergreifenden aber unverändert.

Eine andere mögliche Intentionsreihe wäre:
Können, Erfahrung, Beobachtung, Erkennen (als fester Punkt), Erleben. Ziel: Das Denken als geistiges zu erleben. Erkenntnis als ein gegenwärtiges Geisterleben ändert mein Bewusstsein.

Also, wir KÖNNEN das intuitive Denken ausüben, da wir diese Fähigkeit schon haben. Wir können ERFAHRUNGEN dabei machen, die wir hinterher BEOBACHTEN können. Dadurch ERKENNEN wir dieses Denken, wie wir auch z B eine Pflanze erkennen. Wenn wir dieses Erkennen vergleichen mit Goethes Beschreibung seines Erkennens der (Ur)pflanze, merken wir, dass da ein qualitativer Unterschied beschrieben wird. Können wir denn ein lebendes Samenkorn von einem geschickt gemachten künstlichen durch Beobachtung unterscheiden? Wenn wir dieses tatsächlich ausführen würden, wäre dann nicht die Bezeichnung ERLEBEN (des Lebendigen) erst voll adäquat? In ähnlicher Weise reserviert Steiner das Erleben des Denkens für einen weiterentwickelten Bewusstseinszustand: " Gerade von diesem Reichtum, von dieser inneren Fülle des Erlebens rührt es her, dass sein Gegenbild in der gewöhnlichen Seeleneinstellung tot, abstrakt aussieht." (PhdFr, Kapitel 8, Zusatz).

Sie werden mir vielleicht erwidern, daß "…der beschreibende Begriff, der mir bei der Beobachtung des Denkens aufgeht, gleichzusetzen ist mit der Wahrnehmung des Denkens. Das Denken kann also nur durch Begriffe wahrgenommen, "angeschaut" oder gesehen werden. Was vor dieser eigentlichen Wahrnehmung des Denkens durch Begriffe liegt, ist seine begriffslose "reine Erfahrung". (Muschalle)

Ist aber das Anschauen durch Begriffe übergeordnet dem bewussten Erleben eines rein geistigen Inhaltes? "Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhaltes." (PhdFr, Kapitel 9). Nun gut, das durch gegenwärtiges Erleben gewonnene kann sich dann auch zu einem Gegebenen metamorphosieren - aber ist die Methode der gegenüberstellenden Beobachtung noch zuständig?

Wenn Sie mich jetzt fragen: Na lieber Herr Baar, schildern Sie doch einmal was beim Erleben der Denktätigkeit, nicht eines einzelnen Begriffes, sondern eben der Tätigkeit erlebt werden kann, um den Unterschied zu charakterisieren, der Sie das Erleben an die äußerste Stelle Ihrer Intentionsreihe platzieren lässt!" Das kann ich nicht, mir fehlt die eigene Anschauung. Aber eine abstrakte Vorstellung davon kann sich aus folgendem Zitat ergeben:
"…dass nur in der Betätigung des Denkens das "Ich" bis in alle Verzweigungen der Tätigkeit sich mit dem Tätigen als ein Wesen weiß." (PhdFr, Kapitel 3, Zusatz). Das Erleben der Denktätigkeit ist gleichzeitig das Erleben des "Ich". Wie das Denken aus dem toten, abstrakten, so wird auch das abstrakte, weil nur vorgestellte "Ich" gleichzeitig (weil ein Wesen) gegenwärtig erweckt und erlebt.

Im vorigen Brief erwähnte ich den naiv-realistischen Aspekt im Bezug zum Denken. Wie sollte sich ein ernsthafter naiver Realist (ich gebe zu, das ist ein unglücklicher Ausdruck) sich des Denkens mit Sicherheit vergewissern. Zunächst zitiere ich Ihre Ratschläge:

"Wenn also ein Leser für sich das Stadium des intuitiven Denkens mit Sicherheit erreichen will, dann könnte er das exemplarisch zum Beispiel auf drei Wegen tun, die eng miteinander verwandt sind: Erstens könnte er sich einer ungewohnten Wahrnehmung aussetzen, etwa einer solchen, die er in einer Kükelhausausstellung machen kann, und sich fragen, was das jeweils ist, dem er sich da wahrnehmend aussetzt. Zweitens könnte er sich in irgend ein philosophisches Problem vertiefen und versuchen es zu lösen - beispielsweise in das Problem, was Kraft, Kausalität oder Güte ihrem Wesen nach sind und zu einem Begriff dieser Entitäten vorzustoßen. Drittens könnte er sich einmal mit der Frage befassen, wonach er sich beim Denken richtet und über die entsprechenden Erfahrungen seines Denkens nachdenken. Damit bekommt er nicht nur einen Einblick in die Natur des intuitiven Denkens, - letzteres ist auch der entscheidende Schritt zur Einsicht in die Freiheit des intuitiven Denkens."

Die Wege eins und zwei ergeben wohl keine neue Sicherheit, da wir das geschilderte intuitive Denken in diesem Sinne schon können und praktisieren - ohne gewusst zu haben, das es so genannt wird. Der dritte Weg verspricht einen Einblick. Machen wir uns als "ernste, naive Realisten" auf den Weg. Wonach ich mich beim Denken richte ist kann ich noch nicht fragen, ich mache erst folgende Beobachtung: Beim Denken über etwas tauchen verschiedene Gedanken auf. (Auftauchen, erscheinen, entstehen ist synonym gemeint). Ist das Aufgetauchte real und wirklich oder nur "ausgedacht"? Wo kommt es her? Wie geschieht Auftauchen? Um Sicherheit zu haben will ich das alles nicht bedenken, sondern eben wahrnehmen. Eine eventuelle Wissenschaft darüber aufzubauen soll warten bis genauere, sichere, tiefere Wahrnehmungen von mir gemacht werden. Von mir? Ja, nur dann ist Sicherheit. Es wird sich also darum handeln mich selbst als Wahrnehmenden zu entwickeln um qualitative Erfahrungen zu haben. Dann erst will ich das in beschreibende Begriffe bringen. Die Qualität meiner Wissenschaft hängt also von meiner Entwickelung als Wahrnehmender ab. Das meinte ich mit dem Aspekt des naiven Realisten im Bezug zum Denken. Er müsste eigentlich zum Ziele haben, das intuitive Denken gegenwärtig zu erleben.

Das im Gegensatz zu Ihrer Beschreibung, die eine Gegenwärtigkeit nicht anstrebt:
"Intuition ist nicht nur die Form, in der Begriffe und Ideen im allgemeinen wahrgenommen werden, sondern auch diejenige, in der das beobachtende Denken das Denken sieht. Da beobachtendes und beobachtetes Denken zwar zeitverschieden aber wesensgleich sind, ist es folglich diejenige Form, in der das Denken sich selber sieht."

Mit freundlichen Grüssen,
Lutz Baar


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