(Baar 3)
11 dezember 2002, Lutz Baar, Beobachtung und Erleben des DenkensLieber Herr Muschalle,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Brief vom 2 Dezember 2002!Halten wir uns an den "Realisten" auf der Suche der Realität des Denkens. Sie schreiben:
"Gegenüber dem Denken kann man nach Steiner auf dem Standpunkt des naiven Realismus bleiben, weil man beim Denken Wirkendes und Bewirktes unmittelbar in einem Prozeß gegenwärtig hat, was sonst nirgends der Fall ist. Eine Wissenschaft auf der Ebene des naiven Realismus besteht darin, daß sie die Erfahrungsinhalte beschreibt, verbildlicht, bzw. sich von den Erfahrungsinhalten ein ideelles Gegenbild macht. Und das gilt eben auch von einer Wissenschaft des Denkens. Frage: Was sind für Bilder? - Nun, Sie können sich dazu an sämtliche sachhaltigen Aussagen Steiners über das Denken halten. Dann haben Sie einen exemplarischen Eindruck davon. Z. B. in der Philosophie der Freiheit, aber auch in allen anderen philosophischen Frühschriften."
Das Denken hat also nach Ihren eigenen Aussagen den Charakter des Bildhaften, d h es ist nicht real, sondern nur Bild. Meine Erfahrungsinhalte werden in beschreibenden Begriffen verbildlicht - ich suche ein ideelles Gegenbild. Gut. Wenn wir nun in dieser Beschreibung der gleichen Meinung sind, möchte ich jetzt meine Frage wiederholen, wie komme ich aus dem nur Bildhaften zum Erleben der Realität des Denkens?
Sie schreiben:
"Wenn Sie jetzt, lieber Herr Baar, so verfahren wie von Ihnen weiter beschrieben: *** "Eine eventuelle Wissenschaft darüber aufzubauen soll warten bis genauere, sichere, tiefere Wahrnehmungen von mir gemacht werden. Von mir? Ja, nur dann ist Sicherheit. Es wird sich also darum handeln mich selbst als Wahrnehmenden zu entwickeln um qualitative Erfahrungen zu haben. Dann erst will ich das in beschreibende Begriffe bringen. Die Qualität meiner Wissenschaft hängt also von meiner Entwickelung als Wahrnehmender ab. Das meinte ich mit dem Aspekt des naiven Realisten im Bezug zum Denken. Er müsste eigentlich zum Ziele haben, das intuitive Denken gegenwärtig zu erleben." ***
So gleicht das etwa dem operierten Blinden, der sich zwecks weiterer Perfektionierung der biologischen Grundlagen seines Sehens zusätzlicher Operationen unterzieht und Vitaminpräparate schluckt bis er die Sehschärfe eines Adlers hat, aber sich mit den visuellen Erfahrungen bis dahin nicht auseinandersetzen mag. - Er wird auch mit Adleraugen nichts sehen, weil das, was er sieht, von dem abhängt, was er über das Gesehene schon weiß. Wer nicht den Anschauungsbegriff des Ballartigen hat sieht keine Bälle und wem der des Baumartigen fehlt steht Bäumen so gut wie blind gegenüber - und wenn er noch so scharfe Augen hätte und sich obendrein mit einem Teleskop bewaffnen würde: er sieht nur Farbflecken oder farbige Flächen. Wer aber Bäume nicht sieht, kann auch Baumartiges nicht wirklich erleben. In gleicher Weise gilt: Wer nichts von Denkakten weiß sieht (mit dem inneren Blick) weder Denkakte noch ihre Eigentümlichkeiten, und wer nichts von Begriffen weiß sieht auch keine Begriffe. Letztlich aber erlebt er sie dann auch nicht, weil sie, unbekannt wie sie ihm sind, aus seinem Erlebnishorizont herausfallen - er mag sein Denken im übrigen so viel erleben wie er will, oder das, was er dafür hält."
Die neuen Adleraugen kommen ja nur in Betracht, wenn ich eine Aufteilung dem Denken gegenüber in Wahrnehmungsteil und Begriffsteil vornehme. Als "ernsthafter naiver Realist" gegenüber dem Denken erhoffe ich aber die ungeteilte Einheit der Teile erleben zu können. Welche neue Fähigkeit ist da vonnöten? Nun, Sie schreiben es ja selbst weiter unten in Ihrem Text:
"Das Denken erklärt sich selbst, indem es, sich erlebend, selbst beschreibt. Vielleicht denken Sie jetzt einmal an Steiners Zusatz von 1918 eingangs des Kapitels IX, "Die Idee der Freiheit", S. 145: "Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen. Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken." Das Sich-Selbst-Tragen des Wesenswebens kommt aus dem Beobachten, nicht nur aus dem Erleben. Aber der Beobachter lebt während des Beobachtens in diesem Weben."
Da scheint es ja ein "Wesensweben" zu geben, das über die Bildhaftigkeit hinausgeht zu einem Realen. Meiner Meinung nach hindert Sie der mitgebrachte Begriff der Denkbeobachtung von Kapitel 3 zu sehen, dass bei dieser Beobachtung das Erleben eingeschlossen ist.
Dazu möchte ich folgende Zitate bringen:
"Wir haben in dem Denken, durch dessen Eigentümlichkeiten wir durchgehen mit unserer modernen philosophischen und wissenschaftlichen Entwicklung, keine Realität, - wir haben bloßes Bild einer Realität."
"Um der Entwicklung der Freiheit willen musste die moderne Menschheit sich zu diesem irrealen bildhaften Denken erheben. Aber man kann bei ihm nicht bleiben, wenn man ein Vollmensch ist, wenn man die Realität in allem menschlichen Wesen fühlt. Denn man muss den Widerspruch fühlen zwischen dem, was da drängt und lebt und webt in dem menschlichen Wesen, und dem, was vor dem Bewusstsein steht als bloßer Umkreis von irrealen Bildern. Wir haben es nicht bloß mit einem logisch formalen Problem zu tun, wir haben es mit einem realen Problem zu tun, - mit einem realen Problem, das sich dadurch ergeben hat, dass der Mensch allmählich sein Denken, sein Vorstellen herausgezogen hat aus der äußeren Wirklichkeit."
"Wenn der Mensch mit seinem Denken aus dem Bildcharakter herausgeht und hineintritt in die eigene Realität, dann muss er allerdings durch die Übungen der Geisteswissenschaft die Möglichkeit in seine inneren Fähigkeiten aufnehmen, sich in diesem Selbsterleben der Begriffswelt umzutun, wie sonst im mathematischen Denken. Er muss die Fähigkeit erwerben, die Wirklichkeit in diesem Selbstleben selbständig zu erfassen."
Diese Zitate können Sie, lieber Herr Muschalle, entweder als eine Bestätigung Ihrer Arbeit auffassen oder, wie von mir erhofft, als Anstoß für eine Erweiterung Ihrer Arbeit betrachten. In jedem Falle begrüße ich Ihre Arbeit und kann Ihnen versichern, dass sie mir, wie auch Ihre Briefe, weitergeholfen haben.
Mit freundlichen Grüssen,
Ihr Lutz Baar(die Zitate sind aus Steiners zweitem anthroposophischen Hochschulkurs,
Erster Vortrag im Zyklus, 4 April 1921)