(Muschalle 2 b)
2 dezember 2002, M. Muschalle, Beobachtung und Erleben des Denkens

Lieber Herr Baar,

herzlichen Dank für Ihr Schreiben vom 26.11.02.

Ich möchte hier nur auf einen Teil Ihrer Fragen und Gesichtspunkte aus Ihrem 2. Brief eingehen und werde mich auf das beschränken, was mir besonders dringlich erscheint. Das Offengelassene können wir vielleicht später noch nachholen. Vorrangig aber scheint mir die Frage nach dem Verhältnis von Erleben und Erkennen des Denkens zu sein. Dazu werde ich noch einmal an das Thema "naiver Realismus des Denkens" aus dem ersten Brief anknüpfen.

Ich beginne mit Ihrer Bemerkung am Ende Ihres zweiten Briefes:
***"Das meinte ich mit dem Aspekt des naiven Realisten im Bezug zum Denken. Er müsste eigentlich zum Ziele haben, das intuitive Denken gegenwärtig zu erleben.
Das im Gegensatz zu Ihrer Beschreibung, die eine Gegenwärtigkeit nicht anstrebt:
"Intuition ist nicht nur die Form, in der Begriffe und Ideen im allgemeinen wahrgenommen werden, sondern auch diejenige, in der das beobachtende Denken das Denken sieht. Da beobachtendes und beobachtetes Denken zwar zeitverschieden aber wesensgleich sind, ist es folglich diejenige Form, in der das Denken sich selber sieht."***

Die Angelegenheit sollte eigentlich durch meine kurze Zwischennotiz vom 27.11.02 an Sie im Grundsatz geklärt sein. Die Beschreibung (als beobachtendes Erfassen) des Denkens kann nicht gleichzeitig mit dem beobachteten Denkvorgang stattfinden. Daraus aber abzuleiten, daß Gegenwärtigkeit des Denkerlebens bei mir erst gar nicht angestrebt werde (dahingehend verstehe ich Sie), scheint mir doch reichlich gewaltsam - ich wüßte auch nicht wie man gerade anhand meiner diesbezüglichen Arbeiten darauf kommen sollte. Vor allem nicht angesichts dessen was ich an Witzenmann bemängele. Mir dünkt das wie ein Kampf mit Windmühlenflügeln. Deswegen noch einmal zum naiven Realismus und der Aufgabe der beschreibenden Begriffe, die von einer naiv realistischen Wissenschaft zu bilden sind.

Gegenüber dem Denken kann man nach Steiner auf dem Standpunkt des naiven Realismus bleiben, weil man beim Denken Wirkendes und Bewirktes unmittelbar in einem Prozeß gegenwärtig hat, was sonst nirgends der Fall ist. Eine Wissenschaft auf der Ebene des naiven Realismus besteht darin, daß sie die Erfahrungsinhalte beschreibt, verbildlicht, bzw. sich von den Erfahrungsinhalten ein ideelles Gegenbild macht. Und das gilt eben auch von einer Wissenschaft des Denkens. Frage: Was sind für Bilder? - Nun, Sie können sich dazu an sämtliche sachhaltigen Aussagen Steiners über das Denken halten. Dann haben Sie einen exemplarischen Eindruck davon. Z. B. in der Philosophie der Freiheit, aber auch in allen anderen philosophischen Frühschriften.

Diese Beschreibungen des Denkens - ich nenne sie hier der Einfachheit halber einmal Anschauungsbegriffe - haben jetzt nicht etwa nur eine elitäre wissenschaftliche Funktion auf die man zwecks Wahrnehmung des Denkens im Prinzip auch verzichten könnte, deren Daseinsbestimmung aber überwiegend darin besteht in Büchern, Aufsätzen und Dokumenten zu schlummern. Sondern sie sind unmittelbar wahrnehmungswirksam, so daß man das Denken weder wahrnehmen noch wirklich erleben kann wenn man sie nicht hat. Und warum das so ist, darüber will ich in diesem Brief etwas sagen.

Ich möchte das, lieber Herr Baar, an einer Beobachtung von Ihnen selbst festmachen. Sie schreiben in Ihrem 2. Brief: ***"Wenn Sie mich jetzt fragen: Na lieber Herr Baar, schildern Sie doch einmal was beim Erleben der Denktätigkeit, nicht eines einzelnen Begriffes, sondern eben der Tätigkeit erlebt werden kann, um den Unterschied zu charakterisieren, der Sie das Erleben an die äußerste Stelle Ihrer Intentionsreihe platzieren lässt!" Das kann ich nicht, mir fehlt die eigene Anschauung." ***

Was Sie hier darstellen ist eine Beobachtung, die Sie anhand Ihrer Erfahrungen des Denkens gemacht haben. Und sie ist von beeindruckender Aufrichtigkeit. Aber mehr noch: Sie ist vor allem phänomenologisch und erkenntnistheoretisch bedeutsam. Denn was Sie da schildern ist charakteristisch für die "reine Erfahrung" des Denkens. Es ist vergleichbar mit der Lage, in der sich ein Blindgeborener befindet, der erfolgreich operiert wurde, und dem erst kürzlich die Augenverbände abgenommen wurden: Er steht angesichts dessen, was ihm jetzt visuell begegnet, ziemlich dumm und hilflos da. (Das ist nicht wertend, sondern psychologisch charakterisierend gemeint. Der Betreffende kann nämlich bei all dem ein sehr fähiger Kopf sein.) Sie können das gut nachlesen in einem bemerkenswerten Artikel, der kürzlich im Spiegel erschien (Vergl.: Der sehende Blinde, in, Der Spiegel, Nr. 47, 18.11.2002 S. 190 ff).

Der Augenoperierte hat - auf seine visuelle Wahrnehmung bezogen - nur "reine Erfahrungen", denen er völlig orientierungslos ausgeliefert ist. Er kann nichts, aber auch gar nichts von dem erkennen, was er jetzt sieht. Er weiß nicht was rund und eckig ist oder gerade und krumm. Nicht was hell und dunkel. Nicht was nah und fern, was rot und gelb und was geformt und ungeformt ist. Sieht seine eigene Frau nicht, mit der er 20 Jahre verheiratet war, und wenn sie einen Meter vor ihm stünde. Nur ein Kaleidoskop von unbestimmten Farbflecken. Der Augenoperierte sieht - und sieht doch nichts. Weil das, was er sieht, kein "Was" ist, sondern nur ein "Das". Um in Ihrer Ausdrucksweise zu bleiben: Er hat visuelle Erfahrungen, aber ihm fehlt die Anschauung. Viele operierte Blingeborene bleiben mehr oder weniger in diesem Stadium hängen, weil sie sich in der visuellen Welt nie mehr zurechtfinden. Das bringt der Titel des Artikels: "Der sehende Blinde" sehr spannungsreich zum Ausdruck: Sie sehen und bleiben trotzdem blind.

Gegenüber dem Denken sind die meisten Zeitgenossen, soweit sie nicht einschlägig philosophisch oder psychologisch vorgebildet sind, tatsächlich in der Lage eines kleinen Kindes, das zum ersten Mal in die Welt schaut, oder eines Blindgeborenen, dem die Augen geöffnet werden und der sehend wird. Das Prinzip dieses Augenöffnens und Sehend-Werdens schildert Steiner in groben Zügen im dritten und nachfolgenden Kapiteln der Philosophie der Freiheit. Aber auch in seinen übrigen erkenntnistheoretischen Schriften.
Sie müßten jetzt, um der "reinen Erfahrung" des Denkens idealtypisch nahezukomen, in Ihrer eigenen Illustration auch noch von Ihrem Vorwissen bezüglich dessen was Begriffe und Denken sind abstrahieren. Denn in der Regel hat der naive Mensch auch davon kaum eine eine Vorstellung. Er hat zwar Begriffe und kann denken, aber er weiß von beidem nicht was es ist. Was würde der Ihnen wohl antworten wenn Sie ihn fragen: "Wonach richtest du dich wenn du denkst?" Und in dieser Welt der reinen Erfahrung des Denkens wollen Sie sich jetzt orientieren. Wie machen Sie das?

Der Blindgeborene fängt an die neue Welt zu ordnen und nach Bezugspunkten zu suchen. Dazu muß er bemerken, vergleichen, unterscheiden und verbinden. Das heißt er muß vor allem zusätzlich zum reinen Sehen nachdenken, visuell ordnende Begriffe bilden und diese auf das Gesehene anwenden. Zum Beispiel: Was ist ähnlich? - Was ist gleich? - Was ist beständig? - Was ist flüchtig? - Was gehört zusammen und bildet eine Einheit? - Und was ist disparat und ein anderes Ding? - Was ist nur ein Sammelsurium? - In welchem Verhältnis steht das Gesehene zueinander? - Was kehrt immer wieder und was ist nur einmal oder selten da? - Was ist immer gemeinsam mit anderem da? - Was nur gelegentlich? - Wie verändert sich etwas wenn es sich bewegt, sich dreht, sich entfernt oder näher kommt? - Was ist Nähe oder Weite? - Wie schnell kommt etwas auf mich zu oder entfernt sich? - Wie weit ist es jeweils entfernt? - Wie schnell kann sich etwas verändern? - In welchem Verhältnis steht das Tempo seiner Veränderung zu Nähe oder Ferne von mir? - Wie viele Arten von Rundheit gibt es? - Wie viele von Eckigkeit, Krummheit oder Geradheit? - Was ist lang und kurz? - Was ein gerades Langes oder ein krummes Langes? - Ist das Lange nur ein nahes Kurzes, oder ist es ein weit entfertes besonders langes Langes? - Ist das Kleine vor mir ein weit entferntes Großes oder oder ein ganz nahes und sehr kleines Kleines? - Wann wird das Kleine groß und das Große klein? - Warum wird das Große immer kleiner? Entfernt es sich? Oder schrumpft es? - Wie verändert sich das Runde bei Drehung und wie das Eckige? - Wann wird das Gerade krumm und das Krumme gerade? - Was ist grün, was ist rot und was gelb? - Wieviele Arten von Grünheit gibt es? - Wann ist das Rote nicht mehr rot sondern violett, orange oder eher gelb? - Wann ist das Grüne schön? - Wann das Gelbe eklig? Und so weiter und so fort.

Diese Beispiele sind nicht willkürlich konstruiert, sondern so und noch weit vielfältiger läuft das tatsächlich ab. Der Blindgeborene muß seine visuelle Welt kategorial oder begrifflich ordnen, um sich darin zurechtzufinden. Dazu muß er beschreibende oder Anschauungsbegriffe bilden. Zum Beispiel den, daß ein Dreieck unendlich viele Variationen in der Anschauung annehmen kann und trotzdem ein Dreieck bleibt. Das ist übrigens etwas anderes als der mathematische Begriff des Dreiecks, der auch ohne Anschauung gebildet werden kann. Ein seit Geburt blinder Mathematiker könnte atemberaubende Dreiecksberechnungen vorlegen und doch - sehend geworden - in der anschaulichen Welt einen Ball für ein Dreieck halten.

Dieses Ordnen der visuellen Erscheinungen geschieht normalerweise in der frühen und frühesten Kindheit, deswegen wissen wir zumeist nichts mehr davon und wundern uns vielleicht warum das dem operierten Erwachsenen so schwer fällt. Er holt faktisch die Stufe der Kindheitsentwicklung hier als Erwachsener nach. Erst wenn er das erfolgreich absolviert hat, hat er nicht mehr nur visuelle Erfahrungen, sondern auch Anschauungen. Und die Begriffe mit denen er anschaut, sind im wesentlichen rein deskriptiver oder beschreibender Natur, die das ausdrücken oder zusammenfassen, was man sehen kann, als was man es sehen kann und wie man es sehen kann.

Auf der Ebene der reinen Erfahrung des Denkens findet ein ganz analoger Ordnungsvorgang statt. Auch hier werden Bezugspunkte gesucht, Vergleiche angestellt und Verbindungen geschaffen. Und das geschieht ebenfalls - wie bei der visuellen Wahrnehmung - durch beschreibende Begriffe. Ich muß mich zum Beispiel fragen: Was ist Denken und was gehört nicht dazu? Warum gehört es nicht dazu? Was ist charakteristisch für das Denken und was nicht? - Gibt es in der Erfahrung des Denkens so etwas wie Ähnlichkeit, Verwandtschaft oder Fremdheit? - Einsames und Gemeinschaftliches, Vielheit und Einheit? - Verbundenes und Getrenntes? - Geformtes und Ungeformtes? - Gibt es Bleibendes und Flüchtiges oder Vergehendes? - Aktives und Passives? - Teilbares und Unteilbares? - Elemetares und Zusammengesetztes? - Zeitliches und Nichtzeitliches? - Schnelles und Langsames? - Gibt es Großes oder Kleines, Nahes und Fernes, Zentrales oder Peripheres, Notwendiges, Wesentliches und Unwesentliches? - Gesetzmäßiges und Chaotisches? - Gibt es Stabiles oder Instabiles? - Gibt es Sprödes, Elegantes, Flüssiges oder Zähes? - Gibt es Warmes und Kaltes, Hartes oder Weiches? - Schärfe oder Stumpfheit? - Existiert vielleicht Empfindliches oder Robustes? - Existiert Gestaltetes und Ungestaltetes, Gegliedertes und Ungegliedertes? - Gibt es Gestaltbares oder Zerstörbares? - Gestaltendes und Zerstörendes, Aufbauendes und Abbauendes? - Reifes oder Unreifes? - Gibt es da so etwas wie Helles, Dunkles oder Trübes? - Wie stellt man Helligkeit beim Denken fest und wie Trübheit? - Wie erlebt man das? - Ist der Begriff der Glattheit glatt und der der Rauheit rauh? - Gibt es Aktives und Passives, Ruhendes und Bewegtes? - Harmonisches und Disharmonisches oder Kontroverses? - So etwas wie Spannung oder Ruhe?

Einige dieser beschreibenden Begriffe mögen dem Gegenstand inadaequat sein, viele andere sind brauchbar. Etliche schon seit langem Bestand der philosophischen Beschreibung des Denkens wie Notwendigkeit, Gesetzmäßigkeit, Wesentlichkeit, Irrelevanz, Trennen und Verbinden usf. Andere noch nicht und wieder andere werden wohl erst in Zukunft hinzukommen. Welche davon gut und richtig sind ergibt sich überhaupt erst aus der Erfahrung im Umgang mit ihnen und dem Denken. Zum Beispiel ob es im Denkerleben so etwas wie Wärme oder Kälte gibt bzw. Ruhe oder Spannung. Alles aber sind beschreibende Begriffe, in denen man Erfahrungen des Denkens im Prinzip ordnen könnte. Gesichtspunkte, mit deren Hilfe man die Erfahrungen des Denkens befragen kann, um sie überhaupt durchsichtig zu machen. Das heißt: Um das Denken erkennen zu können. Sonst habe ich eben auch hier - wie beim Blindgeborenen - nur Erfahrungen des Denkens, aber keine Anschauung. Auch beim Denken geht es einmal um sein "Das". Aber ebenso um sein "Was".

Steiner hatte es da in vieler Beziehung leichter als die philosophischen Laien unter seinen Lesern. Nicht nur weil er vielleicht besondere Fähigkeiten hatte, sondern vor allem weil er bei Abfassung seiner Philosophie der Freiheit auf den Schultern ein mehrtausendjährigen philosophischen Tradition stand, die im Laufe ihrer Geschichte natürlich schon zahlreiche ordnende und beschreibende Begriffe bezüglich des Denkens bzw der Bewußtseinsphänomene ausgebildet hatte, an die er anknüpft. Etwa: Vorstellung, Begriff, Denktätigkeit, Gedankeninhalt, Denkprozeß usw. Das alles sind ja schon beschreibende Begriffe, mit denen die Erfahrungen des Denkens - und allgemeiner: die Bewußtseinsphänomene - geordnet werden. Ohne ihre Hilfe und die der philosophischen Tradition hätte auch ein Steiner kaum einen Begriff des Denkens und noch viel weniger eine Methode seiner Beobachtung entwickeln können, wenn er quasi beim Stand Null hätte anfangen müssen. Denn wenn ich das Denken beobachten will, dann muß ich ja erst einmal wissen was Denken überhaupt ist und wie ich es sinnvollerweise von anderen Bewußtseinsphänomenen abgrenze, die kein Denken sind. Und dazu wiederum muß ich die erfahrenen Phänomene unter bestimmte ordnende Begriffe bringen. Muß erleben, bemerken, ordnen, sichten, vergleichen und klassifizieren - und vor allem: sehr sehr viele Fragen stellen. Mit diesem Problem kämpft jeder Laie, der sich in den Gegenstand Denken empirisch einarbeitet, aber bis heute auch noch Philosophie und Psychologie. Ich darf nur daran erinnern, daß viele Philosophen auch heute noch Denken mit Sprechen verwechseln und Begriffe mit Worten oder sprachlichen Gebilden. Und so mancher hält einen simplen Assoziationsprozess bereits für Denken.

Wenn mir Anschauungsbegriffe für das Denken oder das Bewußtsein schon zur Verfügung stehen, dann muß ich nicht mehr beim Nullpunkt anfangen, sondern kann mich an dem orientieren was schon an Beschreibungen durch die wissenschaftliche Tradition da ist. Diese Begriffe haben dann eine blicklenkende Funktion; wirken wie Landkarten des Bewußtseins und lassen mich etwas erkennen oder wiedererkennen, was andere schon vor mir gesehen und geordnet haben. Ohne Steiners Beschreibungen des intuitiven Denkens käme kein Anthroposoph auf die Idee bei sich selbst nach so etwas Ausschau zu halten. Und ähnlich wie Landkarten zu der Landschaft stehen, die sie repräsentieren, sind tradierte beschreibende Begriffe für das Bewußtsein oder das Denken natürlich unlebendig, schematisch und karg im Verhältnis zu dem, was sie ins Bild bringen sollen. - Eigentlich nur Landkarten im Holzschnittformat.

Bezüglich der Beschreibung und Klassifizierung des Denkens ist die Menschheit noch nicht über das Stadium eines Kleinkindes hinausgekommen, das seine ersten Erfahrungen in der visuellen Welt macht und noch immer Bälle mit Blumentöpfen verwechselt und nach dem Mond greift. Das liegt wesentlich mit daran, daß sich das Denken nicht derart handgreiflich erfassen läßt wie Bänke und Bäume, sondern eine ätherisch-flüchtige Angelegenheit ist, über die man sich nicht ganz leicht verständigen kann.

Wenn Sie jetzt, lieber Herr Baar, so verfahren wie von Ihnen weiter beschrieben: *** "Eine eventuelle Wissenschaft darüber aufzubauen soll warten bis genauere, sichere, tiefere Wahrnehmungen von mir gemacht werden. Von mir? Ja, nur dann ist Sicherheit. Es wird sich also darum handeln mich selbst als Wahrnehmenden zu entwickeln um qualitative Erfahrungen zu haben. Dann erst will ich das in beschreibende Begriffe bringen. Die Qualität meiner Wissenschaft hängt also von meiner Entwickelung als Wahrnehmender ab. Das meinte ich mit dem Aspekt des naiven Realisten im Bezug zum Denken. Er müsste eigentlich zum Ziele haben, das intuitive Denken gegenwärtig zu erleben." ***

So gleicht das etwa dem operierten Blinden, der sich zwecks weiterer Perfektionierung der biologischen Grundlagen seines Sehens zusätzlicher Operationen unterzieht und Vitaminpräparate schluckt bis er die Sehschärfe eines Adlers hat, aber sich mit den visuellen Erfahrungen bis dahin nicht auseinandersetzen mag. - Er wird auch mit Adleraugen nichts sehen, weil das, was er sieht, von dem abhängt, was er über das Gesehene schon weiß. Wer nicht den Anschauungsbegriff des Ballartigen hat sieht keine Bälle und wem der des Baumartigen fehlt steht Bäumen so gut wie blind gegenüber - und wenn er noch so scharfe Augen hätte und sich obendrein mit einem Teleskop bewaffnen würde: er sieht nur Farbflecken oder farbige Flächen. Wer aber Bäume nicht sieht, kann auch Baumartiges nicht wirklich erleben. In gleicher Weise gilt: Wer nichts von Denkakten weiß sieht (mit dem inneren Blick) weder Denkakte noch ihre Eigentümlichkeiten, und wer nichts von Begriffen weiß sieht auch keine Begriffe. Letztlich aber erlebt er sie dann auch nicht, weil sie, unbekannt wie sie ihm sind, aus seinem Erlebnishorizont herausfallen - er mag sein Denken im übrigen so viel erleben wie er will, oder das, was er dafür hält.

Natürlich ist es vollkommen richtig sein Sehvermögen zu schärfen. Was Sie also mit der Entwicklung des Wahrnehmungsvermögens beabsichtigen ist für sich genommen nicht zu beanstanden. Nur übersehen Sie dabei, daß Ihre beschreibenden Begriffe auch zum Wahrnehmungsvermögen gehören und ausgebildet und ausdifferenziert werden müssen. Und daß, was Sie zunächst ausschließlich entwickeln möchten, nur ein halbes Wahrnehmungsvermögen ist - wie die Augen beim operierten Blindgeborenen. Sie sehen dann vielleicht, aber Sie haben keine Anschauung. Denn für ein "Das" ist das Erlebnisvermögen, für ein "Was" aber das Begriffsvermögen zuständig. Sie stehen dann vor Ihren Denkerlebnissen wie der scharfäugige Kunstbanause vor der Madonna mit dem Kinde: Er sieht nur die allergröbsten Banalitäten - aber die sehr genau. Eine eventuelle Wissenschaft darüber wird er niemals aufbauen, weil er gar keine relevanten Wahrnehmungen macht. Die Qualität ihrer Wissenschaft hängt also gewiß von Ihrer Entwickelung als Wahrnehmender ab. Aber die wiederum hängt von den Anschauungsbegriffen ab, die Sie zur Verfügung haben.

Das ist jetzt ein wenig karikierend gezeichnet und ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Tatsächlich verfahren Sie ja auch gar nicht in der extrem einseitigen Weise wie man es Ihrer eben zitierten Darstellung ablesen könnte. Denn was ich Ihren Ausführungen in den Sätzen davor entnehme geht ja faktisch in die Richtung Anschauungsbegriffe zu bilden und bedient sich auch schon solcher Begriffe. Vielleicht ist Ihnen das aber nicht recht klar. Sie sagen: *** "Machen wir uns als "ernste, naive Realisten" auf den Weg. Wonach ich mich beim Denken richte ist kann ich noch nicht fragen, ich mache erst folgende Beobachtung: Beim Denken über etwas tauchen verschiedene Gedanken auf. (Auftauchen, erscheinen, entstehen ist synonym gemeint). Ist das Aufgetauchte real und wirklich oder nur "ausgedacht"? Wo kommt es her? Wie geschieht Auftauchen? Um Sicherheit zu haben will ich das alles nicht bedenken, sondern eben wahrnehmen."***

Sie machen hier schon eine Reihe von Beschreibungen. Zum Beispiel wenn Sie von "Gedanken", "Auftauchen", "Entstehen", "Herkunft"; "Form des Auftauchens", "Realität des Aufgetauchten" sprechen. In Ihren Beschreibungen sind weiter enthalten Begriffe (nicht Worte) wie "Verschiedenheit", "Veränderung", "Ursache"; "Prozeß"; zeitliche Bestimmungen und so weiter. Sie haben demnach beim Denken etwas bemerkt und fangen an das Bemerkte zu ordnen, auf Begriffe zu bringen und weitere Fragen daran zu richten. Das sind alles schon sehr wichtige Fragen, wie sie dem Prinzip nach auch ein Blindgeborener stellen würde, wenn er seine neue visuelle Welt und ihre Phänomene übersichtlich machen will. Und jede ernstzunehmende Wissenschaft des Denkens würde im Prinzip eben so vorgehen. Nur sind ihr Fragehorizont und die Fragestellung etwas versierter und vielfältiger als die des Laien. Aber im Grundsatz tut sie nichts anderes als jeder vernünftige Laie auch täte, wenn er die Welt - ob die äußere oder die innere - gedanklich ordnen will.

Hätten Sie nicht den Begriff des Gedankenhaften, Gedankenhaftes wäre wohl da - aber nicht für Sie als Erlebenden. Und hätten Sie nicht den der Ursache, Ursachlichkeit wäre wohl da - aber nicht für Sie. Ebenso ist es mit "Auftauchen", "Herkunft", "Entstehen" und so weiter. All das wäre vorhanden, aber es würde nicht wahrgenommen. Man muß natürlich jetzt noch weiter fragen. Zum Beispiel: Ist das Aufgetauchte anschaulich oder unanschaulich? Wenn es anschaulich ist, in welche Form kleidet es sich? Wenn es unanschaulich ist, wie kann ich es dann überhaupt bemerken? Was ist mein Anteil an diesem Auftauchen? Woran stelle ich das fest? Wie stellt sich dieser Anteil erlebnismäßig dar? Habe ich Einfluß auf das Wie und Was des Auftauchens? Wie bemerke und erlebe ich das? Welchen Zugriff habe ich auf das Aufgetauchte? Wie komme ich von einem Aufgetauchten zum nächsten. Nach welchem Prinzip geschieht das? Ist es meinem Willen unterworfen oder nicht? Wenn ja, wie weit? Wenn nein, warum nicht? All diese Fragen stehen wieder im Zusammenhang mit neuen Erlebnissen, auf die ich zum Teil erst achten kann, wenn ich die entspechenden Fragen gestellt habe, sonst treten sie nicht in meinen inneren Wahrnehmungshorizont ein. Das ist sehr wichtig für die weitere Beobachtung des Denkens, denn man kann weitere "qualitative Erfahrungen" erst dann machen, wenn man Fragen an etwas stellt, was man schon kennt oder kennengelernt hat. So wie der operierte Blindgeborene auf der visuellen Ebene noch keine Fragen an und Äste, Rinde und Baumkronen stellen kann, wenn er noch nicht einmal weiß was Bäume in der anschaulichen Welt sind.

Man kann wie Sie sehen, und wie Sie es auch selbst vorführen, schon an ganz wenige und zunächst recht unscheinbare Erlebnisse eine große Zahl von Fragen stellen. Die Gegenstände, an die Sie Fragen stellen, sind erlebte Phänomene - es sind zunächst innere Wahrnehmungen. Diese sind ein "Das" der inneren Wahrnehmung. Und indem Sie an diese Wahrnehmungen Fragen richten und nach Antworten suchen, bilden Sie Begriffe aus und fragen nach ihrem "Was". Diese Begriffe sind zunächst natürlich nicht vollständig sondern noch sehr mangelhaft - irgendwie vollständig können sie auf dieser Stufe auch noch gar nicht sein. Aber indem Sie sie ausbilden kommen Sie zu neuen Fragen und: - zu neuen Wahrnehmungen, auf die Sie vorher nicht geachtet haben. Und zu neuen Antworten, die weitere Fragen und weitere Wahrnehmungen nach sich ziehen.

Was da geschieht ist im Prinzip derselbe Vorgang wie beim Blindgeborenen kurz nach Abnahme seiner Augenverbände, nur sind die Wahrnehmungsphänomene anders geartet. Und - was hier stattfindet ist ein Erkenntnisvorgang, in dem Sie Wahrnehmungen mit Begriffen zu durchtränken versuchen. Und jetzt denken Sie an Steiners Bemerkung im Kapitel "Die Konsequenzen des Monismus", 2. Zusatz 1918, S. 255 der Philosophie der Freiheit über das rein geistig erlebbare intuiti-ve Denken, "durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt wird." - Sie sind schon mitten drin im intuitiven Denkerleben, indem Sie um Erkenntnis Ihrer Denkerlebnisse ringen. Indem Sie Fragen an die erlebten Denkerfahrungen richten und danach trachten diese inneren Wahrnehmungen zu erkennen, sie zu ordnen, sich eine Übersicht darüber zu verschaffen, ihr Woher und Warum, ihr Wie und Was zu klären, sie mit Begriffen zu durchtränken, stehen Sie im Erleben des intuitiven Denkens mitten drin. Und in dem Maße wie sich Ihre Einsicht über diesen intuitiven Denkvorgang erweitert kommen Sie zu einer immer gesättigteren Begrifflichkeit dieses Denkens - zu seiner immer vollständigeren Anschauung. So wie der Blindgeborene zu einer immer vollständigeren Anschauung der visuellen Welt kommt.

Das Denken erklärt sich selbst, indem es, sich erlebend, selbst beschreibt. Vielleicht denken Sie jetzt einmal an Steiners Zusatz von 1918 eingangs des Kapitels IX, "Die Idee der Freiheit", S. 145: "Wer das Denken beobachtet, lebt wäh-rend der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen. Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geistigen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst darbietet, erfassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken." Das Sich-Selbst-Tragen des Wesenswebens kommt aus dem Beobachten, nicht nur aus dem Erleben. Aber der Beobachter lebt während des Beobachtens in diesem Weben.

Darum noch einmal zum Schlußsatz Ihres eben zitierten Gedankenganges: "Um Sicherheit zu haben will ich das alles nicht bedenken, sondern eben wahrnehmen." Es müßte eigentlich klar sein, daß die von Ihnen gesuchte Sicherheit nicht allein nur aus dem Wahrnehmen der Innenerlebnisse fließen kann. Wie auch die neue Gabe des Sehens allein dem operierten Blindgeborenen nicht zur Sicherheit in der visuellen Welt verhilft. Im Gegenteil - bezogen auf die Gesamtwirklichkeit wird er zunächst unsicherer, weil ihn das blinde Sehen irritiert. Sicherheit kann auch nicht allein aus einem bloß abstrakten Denken über Wahrnehmungsphänomene kommen, die nur gedacht, aber nicht erlebt werden. Das bloße Sehen allein trägt nicht und das bloß abstrakte Denken allein trägt auch nicht. Sondern Sicherheit kann sich nur im Zusammenfluß beider ergeben, auch für die innere Welt. Im Wechselspiel von Wahrnehmen und Begreifen, die zueinander stehen wie Einatmen und Ausatmen, Systole und Diastole.

Die Sicherheit, die Sie beim Denken fürs erste haben können ist die, daß Sie im Denken etwas bewirken. Und daß Sie Wirkendes und das Bewirkte unmittelbar vor sich haben indem Sie es ausüben. Das erleben Sie unmittelbar und gegenwärtig - aber Sie erkennen es erst wenn Sie über das Erlebte nachdenken, Fragen daran richten und das Ganze auf einen Begriff bringen. Sie verbinden dann das Erlebte mit den Begriffen von Ursache und Wirkung oder Folge. Und darauf, daß man Denkerfahrungen nach den Gesichtspunkten von Wirkendem und Bewirktem ordnen kann, muß man überhaupt erst einmal kommen. Das wird uns nicht in den Schoß gelegt.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Wer keine Anschauungsbegriffe für das Denken hat sieht nicht das Denken, sondern lediglich Phänomene, die auf seiner Bewußtseinsbühne auf- und abtauchen wie die Farbflecken vor dem operierten Blindgeborenen. Die Beschreibungen des Denkens haben keine elitäre wissenschaftliche Funktion auf die man zwecks Wahrnehmung des Denkens auch verzichten könnte, sondern sie sind unmittelbar wahrnehmungswirksam, indem sie den Blick auf Eigentümlichkeiten des Denkens lenken, die sich in der Erfahrung finden, die man aber erst zu sehen lernen muß, wie das Kind lernen muß Bäume zu sehen und nicht nur grüne Farbflächen. Sie charakterisieren gegenüber dem Denken sein "Was". Und erst wenn ich in der Lage bin meine reinen Denkerfahrung in derartige Begriffe zu fassen, bin ich imstande das Denken - sein "Was" - auch anzuschauen. Erst dann ist es beobachtet oder wahrgenommen. Darauf ist zu achten wenn man sich (Kap IV, S. 62) Steiners Klärung des Begriffs "Wahrnehmung" vor Augen hält: "... die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen können." Solange man das Denken nicht in derartige Anschauungsbegriffe gebracht hat, ist es für das erkennende Bewußtsein quasi noch gar nicht vorhanden. So wie der Ball für den operierten Blindgeborenen nicht als Ball vorhanden ist sondern als Farbfleck, den er wohl sieht, aber nicht wirklich anschauen kann.

Herzlichst, Ihr Michael Muschalle


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